Mutterschaft & Identität
Ich liebe meine Kinder – und vermisse trotzdem mein altes Leben
Es gibt eine kulturelle Logik, die klingt ungefähr so: Du wolltest ein Kind. Also solltest du jetzt vor allem glücklich sein.
Viele Mütter erleben aber beides gleichzeitig: tiefe Liebe – und den scharfen Verlust eines früheren Lebens.
Beides kann wahr sein. Zur gleichen Zeit.
Was sich alles verschiebt
Mutter zu werden verändert nicht nur den Kalender. Es kann verändern:
- wie du deinen Körper erlebst
- wie Nähe und Distanz sich anfühlen
- wie Beruf und Selbstwert zusammenhängen
- welche Freundschaften tragen
- was Partnerschaft aushält
- wie laut oder leise deine eigenen Bedürfnisse werden
Dann kommt oft der Satz: Wo bin eigentlich ich geblieben?
Das ist kein egoistischer Gedanke. Es ist oft ein ehrlicher Identitätsimpuls. Du suchst nach Kontinuität in einer Phase, die vieles neu ordnet.
Matreszenz – kein Trendwort, keine Diagnose
Der Begriff Matrescence (Matreszenz) wurde in den 1970er-Jahren von der medizinischen Anthropologin Dana Raphael geprägt. Später haben unter anderem Aurelie Athan und Kolleg:innen ihn als bio-psycho-sozialen Entwicklungsübergang weiter ausgearbeitet.
Matreszenz beschreibt den Übergang zur Mutter als Entwicklungsprozess. Körperlich. Psychisch. Sozial. Beziehungsbezogen.
Sie ist keine Diagnose. Sie ist auch kein Modewort, mit dem man jede Überforderung schönredet. Sie ist eine Beschreibung: Dieser Übergang kann so tiefgreifend sein wie andere große Lebensübergänge – und wird kulturell trotzdem oft auf „Babyglück“ verkürzt.
Ein kleines Pilotprojekt von 2025 zur Matrescence-Education (n = 18) deutet an, dass Aufklärung über diesen Übergang entlastend wirken kann. Wegen der sehr kleinen Stichprobe sollte man das Ergebnis nicht überbewerten. Die Richtung ist aber klinisch plausibel: Sprache und Einordnung können Schuldgefühle verringern.
Ambivalenz gehört oft dazu
Ambivalenz kann heißen:
- Du liebst dein Kind und vermisst trotzdem Freiheit.
- Du bist dankbar und gleichzeitig erschöpft.
- Du willst nah sein und brauchst trotzdem Abstand.
- Du bist stolz und trauerst um frühere Autonomie.
Ambivalenz heißt nicht, dass mit der Bindung zum Kind etwas falsch läuft. Sie heißt oft: Du verarbeitest Veränderung.
Problematisch wird es, wenn Ambivalenz tabuisiert wird. Dann bleibt nur der innere Satz: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Bessere Fragen als „Genieß es doch“
Statt: „Genieß es, die Zeit geht so schnell.“
Vielleicht:
- Was hat sich für dich eigentlich verändert – jenseits des Offensichtlichen?
- Welche Anteile von dir vermisst du am meisten?
- Was bräuchtest du, damit Nähe und Eigenständigkeit beides Platz haben?
- Welche Erwartungen an die „gute Mutter“ trägst du mit – und wer hat sie gesetzt?
Nicht jede schwere Phase nach der Geburt ist eine Depression. Gleichzeitig sollte anhaltende depressive Symptomatik nicht als „normale Matreszenz“ abgetan werden. Mehr zur Abgrenzung findest du im Text Postpartale Depression.
Ambivalenz ist kein Beweis, dass etwas falsch ist. Sie ist oft der Beweis, dass etwas Wichtiges im Wandel ist.
Wenn dich dieser Identitätswandel länger belastet oder du zwischen Anspruch und Realität zerrieben wirst, kannst du dir unter Angebot ansehen, wie eine Begleitung dazu aussehen kann. Bei Erschöpfung und dem Gefühl, nur noch zu funktionieren, kann auch das 8-Wochen-Programm passen.
Quellen & Weiterlesen
- Raphael, D. (1973). Prägung des Begriffs Matrescence in der medizinischen Anthropologie (Peer-Kontext: medizinische Anthropologie / Stillforschung).
- Athan, A. M. (2024). A critical need for the concept of matrescence in perinatal psychiatry. Frontiers in Psychiatry. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38962063/
- Pilotstudie Matrescence Education (2025), kleine Stichprobe (n = 18): https://doi.org/10.1186/s40748-025-00203-0 · PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40598619/
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